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Wenn wir behaupten, ein Hammer sei „dazu da, um Nägel einzuschlagen“ oder über die Streifen eines Zebras sagen, sie seien „dazu da, um Insekten fernzuhalten“, dann schreiben wir Gegenständen Funktionen zu. Haben wir die Absicht, dadurch etwas zu erklären, etwa, warum ein Hammer einen Kopf aus Stahl oder ein Zebra Streifen einer bestimmten Form hat, dann zielen wir auf eine funktionale Erklärung ab. Im Fall des Hammers lässt sich das scheinbar leicht nachvollziehen: Hämmer sind menschengemachte Gegenstände. Sie haben ihre Funktion, weil wir in ihrer Herstellung bestimmte Absichten verfolgen, und sie haben ihre Eigenschaften, weil wir sie derart herstellen, dass sie unsere Absichten erfüllen können.
In den Lebenswissenschaften stellen Funktionszuschreibungen und funktionale Erklärungen hingegen ein echtes theoretisches Problem dar: Auf der einen Seite ist die Rede über Funktionen ein scheinbar elementarer Bestandteil lebenswissenschaftlicher Theoriebildung. So untersucht die Biologie etwa die Funktion von Organen, die Ökologie schreibt ganzen Lebewesen Funktionen innerhalb von Ökosystemen zu, in Medizin und Psychiatrie werden Krankheiten anhand mutmaßlicher Dysfunktionen identifiziert und in den Kognitionswissenschaften werden Inhalte mentaler Zustände anhand ihrer Funktion individuiert. Auf der anderen Seite können diese Wissenschaften aus ihrem nicht-theistischen Selbstverständnis heraus nicht wie im Fall des Hammers darauf abstellen, dass sich Rede über Funktion anhand von Absichten ausbuchstabieren lässt – dass Zebras Streifen einer bestimmten Form und Farbe haben, ist laut ihnen eben nicht das Ergebnis eines absichtsvollen Prozesses.
Wie Funktionszuschreibungen in den Lebenswissenschaften gerechtfertigt werden und was unter Rekurs auf Funktionen erklärt werden kann, wurde deshalb in der philosophischen Wissenschaftstheorie eingehend behandelt. Das Seminar stellt eine Einführung in die Debatte dar und hat drei inhaltliche Schwerpunkte: Im ersten Teil lesen wir ausgewählte Klassiker der philosophischen Funktionsliteratur. Im zweiten Teil widmen wir uns Texten, welche die Methodologie der Debatte in den Mittelpunkt stellen: Gibt es etwa einen einzigen, privilegierten Funktionsbegriff oder vielmehr verschiedene Begriffe mit je eigener Rolle? Was sollte überhaupt das Ziel der Debatte sein – eine Analyse wissenschaftlicher Begriffe oder eher eine nützliche
Explikation eines präzise definierten Funktionsbegriffs? Im dritten Teil des Seminars wenden wir uns der Rolle von Funktionen in der Philosophie einzelner Lebenswissenschaften zu (siehe oben). Hier sollen die Studierenden nach Interesse mitbestimmen, welchen Einzelwissenschaften wir uns zuwenden.
Im Seminar werden ausschließlich englische Artikel gelesen. Bereitschaft zur gründlichen Lektüre, aktive Teilnahme an Gruppenarbeiten und evtl. Übernahme eines kurzen Referats sind Teilnahmevoraussetzung. |